Fahrradtour München – Rom 2011

Im September 2011 habe ich eine Transalp-Tour mit einer Verlängerung nach Rom durchgeführt. Ziel war, in einem überschaubaren Zeitraum von circa 10 Tagen die komplette Strecke mit etwa 1.000 km Länge in nicht allzu anstrengenden Tagesetappen abzufahren. Die Tour führte über den Brenner und das Tibertal. Wobei zwangsläufig zwischendurch die Po-Ebene zu "überwinden" ist.

De facto beginnt die Tour in Oberhaching, wo ich wohne. Ich schenke mir somit die 15 km von der Stadt heraus durch den Perlacher Forst, die ich eh gut kenne. Am Ende kommen brutto ja auch ein paar Kilometer mehr heraus, weil man sich üblicherweise gelegentlich verfährt oder ein paar Zusatzkilometer Umwege nimmt, um in ein Örtchen zu kommen – aus welchen Gründen auch immer (anschauen, Pause machen). Die Kilometerangaben der Planroute rechnen also ab Oberhaching.

Ich bin mit dem Rennrad gefahren, weil das Fahrgerät leichter ist und ich damit „auf der Strecke“ schneller vorankomme als mit dem Trekkingrad (ein solches hatte ich bei drei vorhergehenden Transalp-Touren verwendet; ein Fazit fasse ich am Ende kurz zusammen, wo sich auch die Etappenstatistik findet). Mein Rennrad ist ein Cube mit gut 8 kg Gewicht und 3-fach-Ultegra (kleinste Übersetzung 1,07; vorne 30, hinten 28). Zur Einschätzung meiner Fitness: ich bin 57 Jahre alt; einigermaßen gut fit (im bayerischen Oberland fahre ich Durchschnitte von 25 bis 26 km/h, gelegentlich 27 km/h bei 60 bis 90 km Touren). Bedingt durch eine Leistenoperation zwei Monate vorher war ich aber nur eingeschränkt trainiert.

Zum Gepäcktransport habe ich einen 30 l Deuter Rucksack mit 6,5 kg Bekleidung und Ausrüstung bestückt. Zusätzlich habe ich eine Ortlieb-Lenkertasche montiert, in der ich schwerere Dinge wie z.B. Karten und einen Vorrat von Power-Riegeln usw. verstaue, die gleichzeitig als Kartenhalter dient.

Ich habe mit Hilfe eines Routenplaners einen Tourenplan erstellt, um eine einigermaßen genaue Vorstellung von der zu erwartenden Streckenlänge zu bekommen; weil ich den Zeitplan von 9 Tagen einhalten und vorher eine gute Idee von den Tageszielen bekommen möchte. Praktisch wähle ich aber im laufenden Verkehr die Route aus und halte mich nicht exakt an die vorausgedachte Tour. Auch das Wetter zwingt gegebenenfalls zu Planänderungen. Deshalb habe ich kein Hotel im Voraus gebucht.

Erster Tag, Freitag, 02.09.11 - zum Fuß des Brenner

Am ersten Tag geht es über die B13 nach Holzkirchen. Von dort über die parallele Landstraße der B318 über Oster- und Oberwarngau sowie Wall ins Mangfalltal bis Gmund. Die viel befahrene Straße um den Tegernsee lässt sich nicht vermeiden, bietet aber auch eine gute Gelegenheit für eine erste Cappucino-Pause, die sich gleich zur Wiener Schnitzel-Mittagspause entwickelt. Gut so, denn auf der Weiterfahrt ab Kreuth beginnt es zu tröpfeln, was sich langsam aber sicher zum leichten Regen auswächst. Da wir (ich fahre die ersten drei Etappen mit meinem Schwager) gut warm gefahren sind, ist es kein Problem. Am Achenpass wird es aber ordentlich nass, weswegen wir uns an einer Scheune am Straßenrand eine Zeitlang unterstellen, bis der Regen nachlässt. Allerdings begleitet uns der Regen weiter und wird gelegentlich wieder stärker, weshalb sich beim Gasthaus „Marie“ dringend eine Cappucino-Pause anbietet. Sooo schlecht sollte das Wetter heute eigentlich nicht sein. Sei’s drum: es muss besser werden. Und ab Achenkirch war es dann wirklich trocken. Dort haben wir den gut ausgebauten Radweg entlang des Sees genommen. Ab Buchau kam die Sonne heraus. Und die Abfahrt auf der Bundesstraße nach Wiesing – ein echtes Abfahrtserlebnis – hat so einiges der feuchten Klamotten trocken gelegt.

Über Jenbach haben wir einen Großteil des Inntalradweges benutzt, der aber streckenweise nicht asphaltiert, obgleich auch mit dem Rennrad eingeschränkt gut befahrbar ist. Etappenziel war Schwaz. Wir sind aber etwas weiter gefahren bis Kolsaß (Weer), um näher an den Fuß der Brennerpassstraße zu kommen. Übernachtet haben wir dort im empfehlenswerten Hotel Rettenberg (mit Pool und guter Küche).
Nicht alle Klamotten waren bis zum Hotel getrocknet. So war Wäschewaschen angesagt; Schuhe mit Toilettenpapier stopfen und trocknen nachhelfen.

Zweiter Tag, Samstag, 03.09.11 - Brixen

Der Anlauf zur alten Brennerpassstraße, der sog. Römerstraße, ist mit 12 km im Inntal zum Warmfahren ganz passend. In Hall geht es über den Inn und von dort (an der Autobahn entlang) Richtung Ampass den Berg hinauf. In der Tat geht es gleich unten schon kräftig steil zur Sache; man macht gleich ein paar ordentliche Höhenmeter. In Lans biegt man zunächst rechst und dann kurz dahinter rechtwinklig nach links ab. Die Patscherkofel-Seilbahnstation wird passiert und nach ein paar Wellen mit mittleren Anstiegen kommt man bei Ellbögen bereits auf grob die Hälfte der Höhenmeter bis zum Brennerpass. Empfehlenswert ist das Wiener Schnitzel beim Neuwirt in Ellbögen – auch als Gelegenheit zur Mittagspause.

Bis Matrei geht es ohne nennenswerten Anstieg weiter auf der alten Römerstraße, wo man kurz hinter dem Neuwirt an der linken Straßenseite ein altes Römerstraßenrelikt bewundern kann. Ab Matrei lässt sich die Brennerbundesstraße mit deutlich mehr Autoverkehr nicht vermeiden. Ab hier geht es dann auch in Abschnitten von Höhenmetern bis zum Pass hinauf (signifikant vor und hinter Gries). Bei Gries treffen wir auf einen Wanderer, der denselben Weg über den Brenner wie wir ‚auf Goethes Spuren‘ zu Fuß zurücklegt – Respekt.

Der Brenner-Grenzort ist mittlerweile von modernen Outlet-Stores entstellt und hat sein ehemaliges Grenzübergangsflair mit ersten italienischen Eindrücken fast komplett eingebüßt. Trotzdem muss eine ordentliche Cappucino-Pause her, bevor es die Passstraße nach Sterzing hinunter geht. Das ist man der erreichten Passhöhe schuldig. Auch wenn es „nur“ 1370 m.ü.d.M. ist. Die Abfahrt ist wieder eine ganz geniale, weil: breite Straße (zwar mit Autoverkehr, bei der eigenen Geschwindigkeit von über 50 km/h aber kein Problem) und nur zwei Haarnadelkurven; also: richtig laufen lassen. Vorsicht aber in den Örtchen! Die Durchfahrten teils mit Kopfsteinpflaster.

Ab Sterzing gibt es zwar den Eisack-Radweg, der aber für Renner unpraktisch ist (Nachtrag: der soll jetzt gut ausgebaut sein. Sei’s drum: zügige Abfahrten fahre ich doch lieber Straße). Wir bleiben auf der Staatsstraße und geben Gas – bis Brixen. Zwischendurch gelegentlich wieder ein paar tolle Abfahrten; vor allem die paar letzten Kilometer vor Brixen (hinter dem Pustertal-Abzweig). Zum Glück hatten wir nur wenig Gegenwind. Der kann hinter Sterzing auf der teils relativ flachen Strecke auch unangenehm werden (das ist vermutlich der Wind, der vom Gardasee kommend gelegentlich auch durch das Etschtal und weiter durchs Eisacktal nach Norden bläst).

Brixen bietet eine ganze Reihe von Hotels, weshalb wir auch von unserem Etappenziel Waidbruck (Ponte Gardena) abgewichen sind. Wir können das Goldene Kreuz empfehlen.

Wetter heute: traumhaft, auch warm, bis zu 26 Grad (alle Temperaturangaben zu Vergleichszwecken „im Schatten“, was ja beim Radfahren nicht so häufig vorkommt, außer gesondert vermerkt).

Dritter Tag, Sonntag, 04.09.11 - Trient

Heute wieder Wetter bedeckt mit der möglichen Aussicht auf Feuchtigkeit von oben; zunächst aber trocken und gut temperiert. Bis kurz vor Bozen (ca. 8 km) in Blumau nehmen wir wieder die Staatsstraße. Es geht flotter; sonntags früh ist wenig Verkehr und man kann einfach richtig gut laufen lassen. In Blumau geht parallel zur Straße der Eisackradweg ab, der sich hier anbietet, um auch hernach gut und schnell durch Bozen zum Etschradweg zu kommen. Aber der Radweg hat hier seine Tücken. Er ist relativ schmal; und es gibt etwas mehr Verkehr; dazu einige Kurvenpassagen mit Unterführungen. Ich weiß schon, warum ich Radwege nicht so gerne mag; man kommt nicht so flott voran wie auf der Straße; und dieser hier hat nicht einmal den Vorteil einer netten Strecke.

Ab Bozen beginnt es nasser zu werden; erst tröpfelt es; dann ist der Radweg nass; und spätestens dann werden auch die Schuhe wieder nass. Gelegentlich hat es etwas mehr geregnet und wir mussten wieder die Nässeschutzfolien über die Rucksäcke ziehen. Zwischendurch trocknete es wieder ab. Auf dem Etschradweg kommt man auch zu zweit nebeneinander mit dem Rennrad hervorragend voran – der ist wirklich zu empfehlen. Nur gelegentlich trifft man auf kleinere Gruppen von Ausflugs- und Tourenradlern (mit deutlich niedrigeren Durchschnittsgeschwindigkeiten im reziprok proportionalen Verhältnis zum Alter der Reisenden – dabei sind viele tatsächlich in meinem Alter oder nur knapp darüber).

Am Etschradweg befinden sich in mittleren Abständen (ca. 10 bis 15 km) Brotzeitstationen. In Salurn haben wir Pause mit Penne und Cappucino gemacht. Der große Nachteil des Etschradweges: es gibt keine Häuser bzw. Bauernhöfe, wo man sich bei einem plötzlichen Regenguss unterstellen könnte. Es geht kilometerweit auf dem Damm entlang. Und selbst „brauchbare“ Bäume sind sehr rar.

Die kommenden 24 km bis Trient waren wieder sehr nass – von oben und von unten durch Spritzwasser. Was bis Salurn schon wieder halbwegs trocken war, war jetzt wieder so, wie zwei Tage zuvor am Achenpass. Da auch in Trient keine Besserung abzusehen war, haben
Jausenstation Salurn am Etschradweg
wir das Etappenziel umdefiniert – in diesem Fall mit einer Verkürzung – und sind dort anstatt in Rovereto gelandet. Das war gut so; hat es danach doch ohne Unterbrechung die ganze Nacht hindurch geschüttet.

Das Hotel Venezia direkt an der Piazza Duomo liegt ganz toll und hat den Charme, dass es Zimmer ohne Bad und Toilette, nur mit Waschbecken, gibt – mal ein ganz anderes Erlebnis und mit 42 €uro für das Einzelzimmer angemessen preiswert. Die Lage ist natürlich „primär“. [alle Übernachtungspreise übrigens inklusive Frühstück sofern nicht anders angegeben]

Vierter Tag, Montag, 05.09.11 - zum Po

Das Wetter beginnt heute wieder bedeckt; allerdings mit deutlich geringerer Aussicht auf Feuchtigkeit von oben; trotzdem warte ich etwas ab (ab hier fahre ich alleine), weil ich dem Frieden nicht traue. Tatsächlich tröpfelt es zwischendurch noch etwas, bleibt aber im Grunde trocken. Ab Rovereto lasse ich Regen hinter mir.
Um Kilometer zu machen, fahre ich über die gut ausgebaute SS12, die ab 10 km hinter Trient deutlich weniger und ab kurz hinter Rovereto fast gar keinen Verkehr mehr hat. Um den Rückstand aufzuholen, liegt heute nämlich eine gut 140-km-Etappe bis Ostiglia vor mir, und ich weiß noch nicht, wie weit mich (der gefürchtete) Gegenwind in der Po-Ebene behindern wird.

Für die „Straßenetappe“ wird man bei Ceraino mit dem beindruckenden Etsch-Durchbruch entschädigt, den man als Italienfahrer auf der Autobahn überhaupt nicht kennt und ihn auch nicht findet, wenn man der Radroute der Via Claudia folgt, die einem noch dazu zusätzliche Höhenmeter abfordert.
In Domegliano biegt man nach rechts Richtung Arce ab, wenn man Verona umgehen möchte. In Arce geht es über eine nette Brücke über die Etsch hinüber nach Bussolengo, das einem einige (ca. 50) Höhenmeter am Steilufer abverlangt.

Spätestens in Bussolengo muss man gut selber nach Karte orientieren und sich durchfragen. Die Beschilderung in Italien ist mit der in Deutschland nicht zu vergleichen. Man braucht einige Fantasie und Geduld, den richtigen Straßenabzweig zu finden. Und wenn man nur wenige Brocken italienisch kann, um wenigstens nach dem Weg fragen zu können, muss man beharrlich die meist schnell vorgetragenen Beschreibungen hinterfragen, um die Essenz herauszubekommen, weil man nicht alles versteht. Bedenke auch: die meisten Italiener sprechen kaum Deutsch und nur sehr wenig Englisch – wenn auf dem Land überhaupt. Auch hilft eine gesunde Aufmerksamkeit seiner Umgebung, bzw. des Sonnenstands und des genauen Straßenverlaufs, ob man sich auf der richtigen Straße befindet. Sonst kommen schnell ein paar zusätzliche Kilometer heraus. Erfahrene Radler kennen das aber.

Torre Scagliera in Isola della Scala Nächste Zwischenstationen: Sommacampagna und Villafranca di Verona, wo die Suche nach Vigasio und Isola della Scala auch nicht ganz einfach war. Dann war die Strecke weiter über Nogara nach Ostiglia aber kein Problem; auch nicht die hinter Isola della Scala (Bild des Torre Scagliera) wieder etwas stärker befahrene SS12.

Ab Bussolengo ist die Strecke Brett‘l eben – bis zur Via Emilia (der Hauptverbindungsstraße zwischen Mailand (sic!) und Rimini entlang der nördlichen Flanke des Apennin). Entsprechend langweilig ist es in der gesamten Po-Ebene mit gelegentlich kilometerlangen Geraden. Dörfer gibt es weniger; zwischendurch einige Städtchen und in kurzen Abständen Bauernhöfe (viele verlassen), die aber
bei Regen auf jeden Fall Unterstellmöglichkeiten bieten.

Das Tagesziel Ostiglia am Po (gleichzeitig Ende der Via Claudia bzw. des gleichnamigen Radwegs) liegt nicht so schön, wie man sich das vorstellen mag: Das Flussufer ist durch einen Damm eingegrenzt, das noch dazu mit einer enorm dicken Pipeline und einem Kraftwerk belegt ist. Empfehlenswert ist aber das Hotel Cioè, das nicht nur einen freundlichen Inhaber sondern auch eine gute und preiswerte Küche hat. Das Touristenmenü kostet 11 € und wird seinem Namen erfreulicherweise nicht gerecht: es war wirklich gut! Das Hotel wird mit Passion geführt. Da ist das Einzelzimmer zu 38 €uro wirklich preiswert.

In Ostiglia hatte ich also die fehlenden Kilometer des Vortages wieder aufgeholt und war wieder ‚im Plan‘. Die Etappenlänge war mit 147 km deutlich über Plan; aber mit einem Schnitt von knapp 25 km/h kein Problem. Auch auf dieser Etappe habe ich nicht den „offiziellen“ Via Claudia Radweg benutzt, weil er im Vergleich zur Straße Umwege erfordert und vor allem streckenweise nicht asphaltiert ist; abgesehen davon, dass er mangels guter Beschilderung auch nicht leicht zu orientieren ist; selbst wenn man den Radwegführer dabei hat.

An dieser Stelle – nach drei Tagen Fahrt – bieten sich ein paar Worte zum körperlichen „Verschleiß“ an. Das Gepäck mit dem Rucksack auf dem Rücken hat keine Probleme gemacht. Ich habe mich allerdings auch an die Packempfehlungen von Experten gehalten, 7 kg auf keinen Fall zu überschreiten. Auch mein Po hat im Prinzip mitgespielt. Allerdings hatte ich an einer Stelle trotz Gesäßcreme (von Assos; angeblich die beste der Welt) ein Reibungsproblem. Dieses habe ich durch intensive Behandlung mit Hametum-Heilsalbe nach einigen Tagen nahezu vollständig in den Griff bekommen. Man muss die Salbe aber nach der Tour mehrmals frisch auftragen. Dann wirkt es. Das Reibungsproblem war eher lästig denn wirklich hinderlich. Trotzdem fährt es sich bei Zehntausenden von Umdrehungstritten ohne solche Probleme deutlich angenehmer. Konditionsprobleme hatte ich keine. Alle Tagesetappen (auch die noch vor mir liegenden weiter unten beschriebenen) habe ich problemlos hinter mich gebracht. Praktisch hätte ich auch mehr Kilometer pro Tag fahren können. Aber es soll ja auch Spaß bleiben und nicht in Stress ausarten. Außerdem weiß man nie, was an Belastung auf einen zukommt; sei es Gegenwind, sei es Hitze, seien es unvorhergesehene Höhenmeter oder ausgebuchte Hotels, die zu einer abendlichen Verlängerung einer Etappe zwingen könnten. Apropos unvorhergesehene Höhenmeter: die „Flachetappe“ von Trient nach Ostiglia hat lockere 409 Höhenmeter erfordert. Der größere Teil davon bis Bussolengo eingangs der Po-Ebene; aber immerhin.


Fünfter Tag, Dienstag, 06.09.11 - in der Po-Ebene nach Lugo

Weiter also in der flachen Po-Ebene, mit schlecht ausgeschilderten Straßen und vor allem enorm schlechtem Straßenzustand. Verabschiedet euch von ehemals guten italienischen Straßen. Solche Straßen gibt es in Deutschland nicht – zumindest nicht in der Masse; und zumindest nicht in Oberbayern, wo ich 90% meiner Touren drehe. Solche Straßen habe ich auch bei den Transalps an die Adria nicht erlebt. Dabei war die Po-Ebene nicht mal das Schlimmste: das kam erst noch.

Ich navigiere gerne auch kleinere Straßen nach Karte, wozu die Po-Ebene einige interessante Gelegenheiten bietet. Das hat zwei Vorteile: weniger befahrene Nebenstraßen und kürzest mögliche Strecke. Allerdings muss man beim Navigieren aufpassen: die Straßenkarten im Maßstab 1:200.000 sind nicht immer exakt und mancher Abzweig undeutlich bzw. in der Realität anders als auf der Karte (ein grundsätzlich aber bekanntes Phänomen, das nicht nur für Italien gilt).


Hier die Strecke in Kurzfassung ab Ostiglia nach Lugo (nördl. Faenza): Magnacavallo, Santa Croce, Malcantone, Bondeno, Pte. D. Rodari, Vignarano, Coronella, Poggio Renatico, Alberino, Molinella, Portonovo, Conselice, Zeppa, Ca’ di Lugo, S. Agata, Lugo.

Lugo überrascht mit einer Festung mitten im Ort und einer barocken Stadtanlage, dem Pavalgione. Ein Grund, mitten in der Stadt zu übernachten. Die **** Sterne im Ala d’Oro sind mit 64 €uro erschwinglich – und angenehm komfortabel in einem alten Palais mit großen Zimmern. Allerdings gibt es in der Stadt kaum Restaurants. Das kommt öfter vor; es gibt mengenweise Cafés, aber sehr sehr wenige Restaurants, wenn überhaupt. Man verhungert aber nie. Zu Essen gibt es immer irgendwo etwas. Lediglich die Auswahl ist dann beschränkt. Auch für Zwischendurch-Pausen gibt es überall Cafés, selbst in kleineren Dörfchen; das gilt für ganz Italien. Und ein paar Tramezzini oder Brioche gibt es zum Einführen von Kohlehydraten immer.

Sechster Tag, Mittwoch, 07.09.11 - in den Apennin

Von Lugo aus soll es so weit wie möglich über Nebenstraßen gehen, um die stark befahrene Via Emilia möglichst zu vermeiden. Deshalb geht die Fahrt über Cotignola, südlich Russi vorbei, über Prada nach San
Pietro in Trento; weiter über Cocolla und Castellaccio nach Forlimpopoli (Foto Castello). Dort erlebe ich wieder, dass es kein Restaurant am Hauptplatz gibt, der allerdings mit seiner Burganlage fasziniert. Der Café-Besitzer verweist mich auf das Pasta Fresca Geschäft gegenüber, wo ich jedoch vorzügliche hausgemachte Pasta und Antipasti genieße. Den nötigen Cappucino gibt es dann im Café. So belebt wie Forlimpopoli Castello
die Dorfplätze abends sind, so ausgestorben sind sie mittags. Lediglich wenige Männer treffen sich dann im Café, die aber trotzdem Lautstärke erzeugen. Wenn man daheim anruft, denken die Angerufenen, man ist „mitten drin“.

Auf 6 km lässt sich die Via Emilia nicht vermeiden; es sei denn, man mag gute 200 Höhenmeter über das beeindruckend liegende Bertinoro mitnehmen – oder weicht nochmals nördlich über Provezza aus. Ich wollte beides nicht. Leider hat die N9 nicht einmal einen Randstreifen. Man fährt am besten auf der weißen Linie und
San Vittore bei Cesena bringt die Strecke schnell hinter sich. In Trentola biegt dann die Straße in den Apennin ab. Von hier an geht’s bergauf; zunächst gemächlich und in Wellen; der Anstieg wird erst später steiler. In San Vittore steht der erste Hinweis nach Rom mit Entfernungsangabe: die 341 km meinen aber wohl die Strecke über die Schnellstraße. Ich habe von dort gemäß Plan noch 372 km zurückzulegen; tatsächlich werden es dann noch ein paar mehr.

In Borello hatte ich mich verleiten lassen, eine Nebenstraße mit vermeintlicher Abkürzung über Bacciolino zu verwenden. Das hat mich aber einige zusätzliche Höhenmeter gekostet. Man sollte das lassen. Die Strada Provinciale ist gut zu befahren – auch wenn es über ihre Oberflächenqualität
schon nichts mehr zu streiten hat. Auf dem Weg nach oben (auf dem Gebiet der Region Emilia-Romagna) ist die Qualität noch ganz erträglich. Sie nimmt aber mit zunehmendem Süden stetig ab.

Mein Tagesziel war Verghereto. Da sich die Mehrzahl der gut 800 zu nehmenden Höhenmeter aber auf die letzten 15 Kilometer beschränken, war der Anstieg nach Bagno di Romagna (402 m) schon anstrengend genug. Außerdem vermute ich in Verghereto – wenn überhaupt – nur ganz wenige Unterkünfte und bleibe deshalb lieber im Thermalbad mit guter Hotelauswahl. Das war richtig. Auch wenn die Fahrt auf den letzten Kilometern bis Bagno teils angenehm schattig verlief (Ankunft gegen 18 Uhr) war der Anstieg anstrengend genug. Hotels gibt es dort genügend. Ich kann Al Tiglio für 50 €uro empfehlen. Das Restaurant bereitet trotz des Kur-Massen-Eindrucks eine hervorragende und vor allem reichliche Küche.

Siebter Tag, Donnerstag, 08.09.11 - durchs Tiber-Tal bis Perugia

Mein Plan, den letzten Anstieg zum Pass am Morgen bei kühleren Temperaturen zu nehmen, war gut. Teils auch hier wieder schattigere Passagen. Verghereto ist in der Tat ein kleines Dorf. Ob es Übernachtungsmöglichkeiten gab, habe ich nicht erfragt. Aber auch Verghereto war noch nicht der höchste Punkt. Trotzdem gab es hier und auch im weiteren Verlauf der Strecke ein paar tolle Aussichten ins Tal. Nach einer netten Zwischenabfahrt kam der eigentliche Schlussanstieg auf den 853 m N.N. hohen Valico di Montecoronaro.

Die Abfahrt vom Pass war natürlich sehr angenehm. Die Strecke relativ gut befahrbar. Erst hinter dem Abzweig nach Balze wurde die Strecke schrecklich. Ein Straßenschild verbietet Durchgangsverkehr – wie sich dann zeigt aus gutem Grund. Die Abfahrt ist nicht wirklich Spaß. Immerhin, es geht bergab. Aber man muss sehr auf Löcher im Straßenbelag aufpassen. So geht es mindestens bis Valsavognone. Erst auf dem letzten flacheren Stück wird die Straße wieder besser.

Hinter Pieve Santo Stefano nehme ich um den Lago di Montedoglio herum die Nebenstraße über Baldignano. Bis San Pietro in Villa (vor Sansepolcro) geht die Straße in Wellen mit immer wieder leichten, aber problemlosen Anstiegen. Danach wird die Strecke durchgehend flacher mit nur noch gelegentlichen kleineren Steigungen. Ich nehme die Landstraße zur parallel verlaufenden vierspurigen Schnellstraße SS3bis (die heißt wirklich so) über Umbertide Richtung Perugia. Teilweise (z.B. bis Citta di Castello) geht es durch durchgehend bewohntes Gebiet. Der Autoverkehr ist entsprechend dichter, aber durchweg problemlos zu fahren. Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass Italiener deutlich mehr Rücksicht auf Radler nehmen als wir es in Deutschland kennen.

Einige Kilometer vor Perugia kürze ich nach Ponte Pattoli ab, wo es über eine steinerne Tiberbrücke auf eine Nebenstraße geht. In Ponte Felcino „am Fuße Perugias“ frage ich nach einem Hotel, weil mir die knapp 300
zusätzlichen Höhenmeter nach Perugia nicht mehr taugen. Ich bleibe auf Tiber-Höhe und komme in einer Jugendherberge unter, die mir ein 8-Bett-Zimmer mit eigenem Bad zur Verfügung stellt – weil sie nicht ausgebucht sind. Allerdings muss ich für die 24 €uro auch mein Bett selber beziehen. Die Bettwäsche gibt es an der Rezeption. Auch eine ungewohnte Erfahrung für Vielreisende heutzutage. Übrigens: Handtücher gibt es nicht. Gut, dass ich sicherheitshalber eines für alle Fälle eingepackt hatte; aber an einen solchen Fall hatte ich dabei nicht gedacht. Vor dem sehr leckeren, von der Eigentümerin selbst gekochten, Abendessen genieße ich den Sonnenuntergang in der Au am nahen Tiber. Jugendherberge in Ponte Felcino (Perugia)


Achter Tag, Freitag, 09.09.11 - Giove

Dieser Tag sollte der heißeste der ganzen Tour werden, weshalb ich mich noch mit einer 30er Sonnencreme versorgt habe. Die Orientierung auf einer möglichst kurzen Strecke bis zum ersten Etappenziel Marsciano war gar nicht so einfach. Das Tibertal ist unterhalb Perugias dicht besiedelt mit vielen Straßen aber nur wenigen
brauchbaren Wegweisern. Ich habe mich deshalb nach Torgiano durchgefragt und dies auch über Miralduolo auf einer sehr wenig befahrenen netten Nebenstraße erreicht. In der Ferne sieht man Perugia (Foto) imposant auf dem Berg liegen und weiß, warum man da nicht unbedingt mit dem Rad hinüber muss. Torgiano ist in der Karte mit nettem Stadtbild markiert, weswegen
Blick auf Perugia
ich dachte: das schaust du dir mal an. Konsequenz: 30 steile Höhenmeter extra; interessante italienische Städtchen liegen alle auf Bergspitzen. Nett war es, aber nicht unbedingt die Anstrengung wert. Weiter über Deruta, wo diesmal nur die Polizei noch half, den nötigen Abzweig nach Fanciullata (auf der „anderen“ Seite der Schnellstraße) zu finden (kein einziger Wegweiser in der Stadt).

Marsciano Marsciano, zwar auch wieder auf dem Berg (das Foto gibt eine Ahnung), hat sich aber gelohnt. Ein nettes Städtchen. Dort habe ich den preiswertesten Capuccino der gesamten Reise getrunken (95 Cent!). Weiter ging es Richtung Todi mit einigen „höheren“ Wellen, aber einer ansprechenden Zwischenetappe. Todi, war mir wieder klar, war heute keine Option: 200 Höhenmeter extra – bei der Hitze nicht nötig. Im Schatten 35 Grad, auf dem Rad an einer Stelle 40,3 Grad. Auch wenn solche Temperaturen durch den Fahrtwind grundsätzlich kein Problem sind: aber der Fahrtwind bei einem 200 m Anstieg hält sich in Grenzen. Und dann ähneln sich die italienischen Städtchen doch auch immer etwas. Die Aussicht, etwas Besonderes zu sehen, ist auch nicht garantiert. Und die
Fahrt ist bei allem Interesse an Sehenswertem ja keine Touristentour. Solche Städtebesuche machen nur Sinn, wenn man sich wenigstens etwas Zeit nimmt. Dazu müsste man die Etappen halbieren, um dann Zeit für Besichtigungen zu haben (Tourenführer wie Kay Wewiors ‚Das München – Rom Radreisebuch‘ heben darauf mit ihren 20 Tagesetappen eher ab).

Zwischen Todi und Baschi erstreckt sich der Parco Fluviale del Tevere; eine menschenleere Gegend mit einer gut ausgebauten aber wenig befahrenen Straße. Um die Distanz von 24 km überbrücken zu können, mache ich in Pontecuti an einer Tiberbrücke noch eine Capuccino-Pause und tanke Wasser auf. Die Strecke am Tiber entlang geht auf der Hälfte um 80 Höhenmeter oberhalb des Tibers an einem steilen Abhang entlang - teils durch Galerien, von wo aus man einen beeindruckenden Ausblick auf das Tibertal mit seinem Gebirgsdurchbruch hat (Foto).

Hinter Baschi findet man – ausnahmsweise – leicht den Abzweig auf die Nebenstraße nach Attigliano, wo auch bereits ein Hinweis auf das „kleine“ Penna in Teveriana steht, das auf meinem späteren Weg lag. Allerdings
Tiber-Tal im Parco Fluviale delle Tevere
nimmt mit abnehmendem Verkehr, insbesondere hinter dem Abzweig nach Alviano, auch die Streckenqualität wieder einmal stark ab. Und das dicke Ende der Tagesetappe erreicht mich hinter Attigliano, wo es lediglich die
Möglichkeit über Giove (292 hm) und 21 km oder über Bomarzo (263 hm) und 21 km gibt, nach Orte zu kommen, wo ich mein Etappenziel und Hotels erwarte. Die in der Karte eingezeichnete direkte Verbindungsstraße nach Penna in Teverina lässt sich auch auf Nachfrage bei Ortskundigen nämlich nicht finden und hätte nichts genutzt, weil auch Penna auf dem Berg (selbe Höhe wie Giove) liegt. Da ich auch um Viertel nach Fünf noch nicht Schluss machen wollte – in Attigliano gäbe es Hotels – nehme ich den Angriff auf Giove (Foto). Oben angekommen genieße ich die Aussicht von einer Plattform ins Tal und nutze die Gelegenheit, an einem Kiosk nach Übernachtungsmöglichkeiten zu fragen. Heraus kommt, dass einer der Gefragten ein Giove auf dem Berg
Bed&Breakfast kennt und mich dort gleich per Handy-Anruf anmeldet. Ich lande auf dem 3 km entfernten sehr komfortablen und gemütlichen Agriturismo Piane delle Selve.

kleiner Grappa-Nachtisch Das hat sich gelohnt: Ausgezeichnetes Essen mit Menüauswahl, exzellenter Hauswein; und als Espresso-Begleiter ein „klitzekleiner“ – wie die Bedienung ankündigte – Grappa, der in einem Keramikkännchen mit mindestens 120 ml auf den Tisch kam – zum selber Nachschenken. Gut, dass ich nicht mehr bis Orte gefahren bin, das sich am kommenden Morgen auch wieder als Bergstadt erweist. Das Zimmer (auch ohne Handtücher und Bad auf dem Flur) kostete 28 €uro; das Abendmenü 23 €uro. Alles wirklich angemessen. Beim, allerdings etwas spärlichen, Frühstück sehe ich den „Bäuerinnen“ zu, wie sie im Restaurant quadratmeterweise Teig für Kuchenbleche zubereiten. Das ganze Essen im Hause ist Handarbeit.

Neunter Tag, Samstag, 10.09.11 - bis zum Ziel: Piazza Navona

Die Abfahrt von Penna in Teveriana aus: „ausnahmsweise“ mal wieder eine gute Straße mit einer tollen Abfahrt.

Ein Wort zur Anzeigegenauigkeit von 200.000er Karten am Beispiel Penna in Teveriana: Es fiel an vielen Stellen auf, dass Orte in der Realität oft deutlich größer sind als auf der Karte gezeigt. An anderen Stellen, wo eine Ortsangabe in der Karte ist, findet man manchmal höchstens eine Tankstelle, die wie man weiß in Italien nichtmals Colas verkaufen. Im Falle Penna war dies besonders auffällig. Der frühe Ortshinweis bereits weit vor Attigliano hätte mich stutzig machen können, dass Penna größer ist. Aber verlasse ich mich auf alle italienischen Wegweiser? Man kann sich also auch auf die Darstellungen in der Karte nicht verlassen, was Ortsgröße und damit mögliche Restaurations- und Unterkunftsmöglichkeiten anbetrifft. Andererseits ist es auch schwierig, Einheimische über Übernachtungsmöglichkeiten im nächsten größeren Ort zu fragen. Die wissen das meistens nicht. Es bleibt also ein kleinabenteuerliches Restrisiko.

Von Orte weiter über Civita Castellana bleiben Wellen und Anstiege mit einigen zehn oder zig Höhenmeter ständiger Begleiter. So bleibt die Fahrt abwechslungsreich aber nicht leicht. Die Autodichte ist gut erträglich; lediglich zwischen Borghetto und Civita Castellana ist der Verkehr etwas stärker. Richtung Rignano geht es auf den Anstieg zum Monte Soratte, wo man Angst bekommen kann, dass man „da“ – man sieht oben wieder ein Örtchen auf dem Berg, wenn auch nicht auf dem Gipfel – womöglich noch hinauf muss, wenn es über Fiano Romano wieder hinunter ins Tibertal zur Schlussetappe gehen soll. Aber: ich habe Glück: Sant‘ Oreste bleibt sehenswert links oben liegen. Allerdings nicht ohne dass ich am Abzweig vor Sant‘ Oreste (siehe Foto) erst einmal wieder ratlos dastehe, weil mein Hauptziel Fiano Romano gar nicht angezeigt wird, obwohl es laut Karte auf der Strecke der größte Ort weit und breit ist. Hinter dem Abzweig nach Civitella San Paolo gibt es dann aber wieder eine gute Abfahrt auf ganz ordentlicher Strecke nach Fiano.

Ich bin dann nach Monterotondo weitergefahren, weil ich dort meine Familie zum Kaffeetrinken treffen wollte. Es bietet sich eigentlich an,
Straßenbeschilderung
von Fiano aus über Procoio (westlich der Autobahn und westlich Tiber) nach Rom zu fahren. Die Strecke ist vermutlich deutlich weniger mit Autoverkehr belastet. Die Einfahrt nach Rom über die Via Flaminia wird auch von Kay Wewior empfohlen, weil es einen Radweg bis ins Zentrum gibt.

Ich bin von Monterotondo Scalo aus über die SS 4 (Via Salaria) bis nach Rom hinein gefahren. Sie führt zweispurig mit sehr viel Autoverkehr bis zur Autobahnanschlussstelle der A1 „Settebagni“; von dort vierspurig mit einem wirklich breiten Randstreifen, sodass es zum Radfahren eigentlich gar kein Problem ist. Im Gegenteil: Man kann neben den Autos mit einem ordentlichen Durchschnitt bis mitten in die Stadt „rasen“.
da ist es: ROMA
Dort kommt man über die Via Salaria in die Stadt hinein. Ich empfehle dann weiter die Via Pinciana und die Abfahrt an der alten aurelianischen Stadtmauer entlang – rechts der Giardino Borghese, links der Monte Pincio – hinunter zur Piazza del Popolo. Das mag als Ziel „Roma“ schon reichen. Wer es weiter mitten hinein möchte, kann sich die Piazza Navona oder die Piazza Venezia zum endgültigen Ziel nehmen. Einen zentralen Stadtplatz gibt es in Rom eigentlich nicht. Deshalb ist für mich auf der Piazza Navona bei insgesamt 1078 km das Ende erreicht. Abschließend gönne ich mir noch eine Stadtrundfahrt mit dem Rad über Straßenzüge, die man offiziell mit dem Auto (weil nicht Anwohner) nicht befahren darf und genieße, mich durch den römischen Straßenverkehr zu wuseln. Natürlich bin ich weit und breit der einzige Radler. Aber unter den vielen motorisierten Zweiradfahrern fühlt man sich ganz gut aufgehoben. Die römischen (und überhaupt die italienischen) Autofahrer nehmen ordentlich Rücksicht auf uns.

Tourenfazit

Die Tour war anstrengend aber insgesamt gut bewältigbar. Bei besserem Trainingsgrad hätte ich die Tour vielleicht auch in acht Tagen schaffen können. Aber man muss es ja nicht zwingen; schließlich ist es Urlaub. Extrem ist, die Tour in fünf Tagen zu schaffen, wie mir Bekannte berichtet haben (die aber zu Dritt und als gut Vierzigjährige unterwegs waren). Von denen habe ich die Idee übernommen, über den Valico di Montecoronaro bei Verghereto durchs komplette Tiber-Tal zu fahren, was mutmaßlich mit deutlich weniger Höhenmetern auskommt als die Strecke durch die Toskana, die ich vom Auto her kenne (Bologna – Florenz – Orvieto). Der etwas weitere Weg bis kurz vor Cesena in der Emilia macht dagegen weniger aus. Wer mehr Besichtigungen machen möchte oder zum Beispiel in Perugia selbst übernachten möchte, muss entweder etwas fitter sein als ich es war oder vor allem mehr Zeit einplanen. Wie viel mehr Zeit man braucht, hängt entscheidend davon ab, wo man wie viel Zeit für Besichtigungen einplanen möchte. Die Zeit addiert sich linear. Ich habe bewusst größere Städte ausgespart, wie Verona und Ferrara, die am Weg lägen. Ich kenne beide; und für sinnvolle Besichtigungen braucht man mehr Zeit als nur eine einfache Durchfahrt, zumal man in Städten auch deutlich weniger als einen 25er Schnitt fährt, was zusätzlich Zeit kostet.

Trotz allem habe ich zwischendurch auf den Etappen auch den Gedanken gesponnen, warum ich mir das eigentlich antue. Dies insbesondere auf den teils eklatant schlechten Straßenabschnitten. Ich glaube, solche Zweifel entspinnen sich aber bei allen vergleichbaren Anstrengungen. Am Ende hat der „Siegeswille“ den Ausschlag gegeben. Schließlich gab es eine Menge toller Etappenabschnitte zu fahren und einiges zu erleben; und das verteilt über die gesamte Strecke.

Die schlechte Straßenqualität ist einiger besonderer Bemerkungen würdig. Instinktiv empfinde ich: „Das eine Mal muss reichen.“ Es war ein tolles Erlebnis, aber nochmals, auch über eine alternative Route über garantiert vergleichbar schlechte Straßen nach Rom brauche ich nicht. Vielleicht mal nach Florenz über die Strecke von Bologna aus über den Passo di Raticosa (968 m), wo mich aber aller Voraussicht nach ähnliche Straßenrumpel begleiten werden.

Begonnen haben die schlechteren Straßen in der Po-Ebene, hauptsächlich auf den kleinen Nebenstraßen. Der Asphalt ist vor allem auf der Spur der rechten Autoräder rissig. Meist bleibt dann ein schmaler Streifen ganz rechts, häufig gerade mal auf dem weißen Markierungsstreifen. Stellenweise oder auch streckenweise werden die Risse im Asphalt von Schlaglöchern und deren regelmäßig unprofessionellen Ausbesserungen durchzogen, was es überhaupt nicht besser macht. Und auch der weiße Randstreifen ist gelegentlich gefährlich löchrig. Schlechte Passagen dauern bisweilen kilometerlang und werden dann erholungsweise von einigen zehn oder zwanzig (ja, in Worten 10 oder 20), bestenfalls mal hundert Metern echter Ausbesserung unterbrochen. Eine Garantie für gute Straßen sind nicht zwangsläufig die Strade Statale (SS; entsprechend den deutschen Bundesstraßen). Auch die sind gelegentlich sehr löchrig.

Die schlechtesten Passagen gab es südlich des Apennin-Kamms. Erstaunlicherweise wurde es aber ab dem Abzweig nach Fiano Romano (auf der Via Flaminia südlich Civita Castellana) deutlich besser. Man hat also (unbewusst) ein ganz gutes Stück Straße am Ende vor sich (wenn man die Route nimmt, die ich aus organisatorischen Gründen gewählt habe). Wie es auf der Via Flaminia über Rignano und Castelnuovo di Porto weitergeht, weiß ich nicht. Das Bild zeigt ein typisches Stück – ausgerechnet genau bei Kilometer 1000.

Übrigens habe ich streckenweise bei entsprechend wenig Verkehr die ganze Breite meiner Fahrspur ausgenutzt und bin auf der Spur der linken Autoräder gefahren, die meist in ganz entscheidend besserem
so sehen italienische Straßen aus
Zustand war. Erstaunlicherweise habe ich nie erlebt, dass mich Autos von hinten angehupt haben. In Deutschland hätten sie mich hupend dematerialisiert. Die Italiener kennen offensichtlich ihre Radler und ihre schlechten Straßen; und ich hatte ja auch kein D-Schild hinten drauf – sie weichen Rücksicht nehmend einfach aus. Wobei ich natürlich bei Gegenverkehr immer an den rechten Rand gefahren bin. Man darf sein Glück nicht über Gebühr strapazieren.

Angesichts dieser schlechten Streckenverhältnisse kann ich nur empfehlen, gezielt über die Benutzung eines Trekkingrades mit Federung nachzudenken. Allerdings wird das auch nicht alle Rüttelprobleme ausschalten sondern höchstens etwas mildern.

Vorteile des Rennrads sind das deutlich geringere Gewicht, die Möglichkeit, zügiger dahinzufahren. Gelegentlich bietet sich schon an, in Rennhaltung mal den einen oder anderen Kilometer abzuspulen und „Kilometer zu machen“ – das macht ja auch Spaß, wenn man es mag; und mehrere Griffvarianten zu haben, damit man keine oder zumindest weniger Taubheitsprobleme in den Händen bekommt.

In allen Hotels bzw. Unterkünften konnte ich mein Rad in sicheren Gewahrsam geben. Die Rezeptionisten sind da immer sehr hilfreich; meistens sogar unaufgefordert.

Über die Streckenhinweisbeschilderung hatte ich mich ja bereits ausgelassen. Dies muss durch eine Information zu Entfernungsangaben ergänzt werden. Der geneigte Radreisende, der ja eher auf einigermaßen genaue Entfernungsangaben angewiesen ist als der Autofahrer, muss sich auch hier auf Überraschungen einstellen. Es kann gut vorkommen, dass man nach einem Hinweis „22 km“ ein oder zwei Kilometer fährt und auch der nächste Wegweiser wieder „22 km“ anzeigt. Man wundere sich aber nicht, dass dann nach drei Kilometern „26 km“ bis zur selben Ortsangabe wie vorher angezeigt werden (ich zitiere ein lebendes Beispiel, kann mich aber nicht mehr an den Ort erinnern). Etwas verlässlicher sind die Angaben in den Karten. Aber selbst diese haben augenscheinliche Fehler. Hinzu kommt, dass die 200.000er Karten ja auch nicht jede Kurve anzeigen (was man auch als Autofahrer weiß).

Hier noch abschließend die Etappenstatistik mit ein paar Detailangaben, die Interessierte möglicherweise gerne als Referenz verwenden möchten.

Datum Tagesziel Tages km AVS km/h Höh-meter Fahrtzeit h Tourdauer h
02.09.11 Weer/Kolsaß 126,9 23,1 833 05:29 09:00
03.09.11 Brixen 99,3 20,6 1198 04:49 8:15
04.09.11 Trient 106,3 26,9 211 03:57 06:15
05.09.11 Ostiglia 146,8 24,8 409 05:55 08:45
06.09.11 Lugo 129,0 23,8 142 05:25 08:15
07.09.11 Bagno di Romagna 109,9 21,3 777 05:10 08:15
08.09.11 Ponte Felcino 114,0 21,8 779 05:13 09:00
09.09.11 Giove 118,3 21,0 916 05:38 09:00
10.09.11 Rom 127,4 22,2 758 05:44 08:00
gesamt 1.077,9 22,8 6023 47,3 74,8


Resumee

Eine empfehlenswerte, anstrengende, aber gut bewältigbare Tour mit hohem Erlebniswert und einer Menge zu Erzählen.




Komplette Bildershow

Die vollständige Show aller Bilder findet ihr hier.


Radtour Packliste

Rucksack
Lenkertasche mit Kartentasche
Satteltasche
Helm
Handschuhe
Fahrradschuhe
Sonnenbrille
Anorak (Regenjacke zum Fahren)
Fahrradhose
Trikots für unterschiedliche Wärmegrade
Funktionsunterwäsche
Socken (2 Paar)
Trinkflasche(n)
Fleecejacke
ausreichend Eiweißriegel; Traubenzucker
Fahrradbeleuchtung; Ersatzbatterien
Bordcomputer und Ersatzbatterien
Karten
Handy (mit Ladeteil)
Ausweise, Kreditkarten, Geld
Krankenkassenkarte
 
Sonnencreme, Mückenabwehr
Sonnenbrand-/Mückenstichcreme (AloeVera Gel)
Gesäßcreme (z.B. Hirschtalg)
Wundsalbe (z.B. Hametum)
Magnesiumtabletten
kleine Reiseapotheke nach Bedarf (Aspirin, Ibuprofen, Rennie usw.)
Pflaster, Verbandszeug, Dreiecktuch
Schweizermesser
Ersatzschlauch; Flickzeug; Werkzeug
Luftpumpe
Fahrradschloss
Kabelbinder, Klebeband
Einmalhandschuhe (oder besser zwei kleine Plastiktüten) zum Anfassen der Kette
 
zum "Ausgehen" abends:
T-Shirt/Polohemd
leichte Hose
bei Bedarf lockere Ausgehschuhe
Unterwäsche, Socken
 
Handtuch
Waschlappen
Seife/Duschgel/Shampoon
Deo
Zahnbürste/-creme
Rasierzeug
Schlafanzug
Taschenlampe (oder abnehmbare Fahrradlampe)
Kamera und Ersatzakku (bei Bedarf Ladeteil)
etwas Lesestoff
 
Hinweis: Diese Aufstellung ist nach gutem Gewissen vollständig für eine "unspektakuläre" Trekking- oder Rennradtour (Transalp) - nicht zu verwechseln mit Alpencross, für den man mit höherem mechanischen Verschleiß beim Rad rechnen muss (wozu man ggf. mehr Werkzeug und mehr Ersatzteile braucht, wie z.B. Speichenschlüssel, Bremszug etc.).



 












Etappe 1














Etappe 2
















Etappe 3



















Etappe 4






























Etappe 5















Etappe 6





















Etappe 7





























Etappe 8









































































Etappe 9